Wie wir lernen und uns erinnern

Bernard Katz-Lecture 2010 für Dr. Inna Slutsky / Physiologen ehren Nachwuchswissenschaftlerin aus Israel / Ehrenvortrag am 10. Dezember in Heidelberg

Die Preisträgerin 2010 der Bernard Katz-Lecture ist Dr. Inna Slutsky von der Sackler Faculty of Medicine der Universität Tel Aviv, Israel. Die Nachwuchswissenschaftlerin wird am 10. Dezember in Heidelberg für ihre grundlegenden neurowissenschaftlichen Forschungsarbeiten geehrt. Preisverleihung und Ehrenvortrag finden um 15 Uhr im Hörsaal 2 des Theoretikums, Im Neuenheimer Feld 306, statt. Journalisten sind dazu herzlich eingeladen.

Die 39-jährige Dr. Inna Slutsky konnte unter anderem zeigen, wie und wann sich im Gehirn die Verbindungen zwischen Nervenzellen, die Synapsen, verändern. Diese so genannte synaptische Plastizität könnte eine wichtige Grundlage dafür sein, dass sich das Gehirn an Erfahrungen anpasst – eine Voraussetzung dafür, dass wir uns erinnern und neue Aufgaben erlernen. Die Forschungsergebnisse tragen möglicherweise zu neuen Behandlungsstrategien bei Gedächtnisstörungen, wie z.B. der Alzheimer-Erkrankung, bei. In ihrem Festvortrag wird die Preisträgerin darüber sprechen, wie die Veränderungen von Synapsen mit modernen Methoden der Physiologie analysiert werden („Regulation of hippocampal plasticity: from inter-molecular interactions to dynamics of single synapses“).

Heidelberger Nobelpreisträger Sakmann hat Preis gestiftet

Die Bernard Katz-Lecture wurde 1991 vom Heidelberger Nobelpreisträger Professor Dr. Bert Sakmann, Max-Planck-Institut für Medizinische Forschung, aus Preismitteln gestiftet, um das Lebenswerk seines akademischen Lehrers, des britischen Nobelpreisträgers Sir Bernard Katz (1911 – 2003), zu würdigen. Im jährlichen Wechsel wird in Deutschland oder Israel ein junger Wissenschaftler ausgewählt, der sich durch seine neurowissenschaftliche Forschung ausgezeichnet hat, um im jeweils anderen Land die Ehrenvorlesung zu halten. Der Preis wird von der Alexander von Humboldt-Stiftung verwaltet, das Preisgeld beträgt 7.000 US-Dollar.

Sir Bernard Katz, geboren in Leipzig, emigrierte 1935 nach London, wo er als junger Mediziner seine Forschungsarbeiten fortsetzte. Seine Arbeiten zur Erregungsübertragung zwischen Nerv und Muskel schufen die Grundlagen für die moderne Physiologie von Synapsen, den Kontaktstellen der Nervenzellen. Sir Bernard Katz war von 1952 bis 1978 Professor und Head of Biophysics am University College London und erhielt 1970 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie.

Wenn Nervenzellen ruhen, passt sich das Gehirn an Erfahrungen an

Dr. Inna Slutsky hat das Verständnis der synaptischen Plastizität wesentlich erweitert und dabei mögliche neue Strategien zur Stärkung der Gedächtnisfunktion entwickelt. Nach ihrer Doktorarbeit an der Hebrew University in Jerusalem schloss sich Dr. Inna Slutsky einer Arbeitsgruppe am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA, an. Sie konnte unter anderem zeigen, dass sich Synapsen stärker verändern, wenn die neuronalen Netzwerke, in die sie eingebunden sind, weniger aktiv sind. Somit wird die Fähigkeit des Gehirns, sich an Erfahrungen anzupassen, aktivitätsabhängig reguliert.

Diese Vorgänge konnte die Preisträgerin auf das Lernverhalten von Ratten übertragen: Hierzu wurde die synaptische Übertragung durch Gabe eines bestimmten Magnesiumpräparates vorübergehend gedämpft – mit dem Effekt, dass die synaptische Plastizität anstieg und zugleich das Lernen bestimmter Aufgaben verbessert wurde. Damit ist Dr. Ina Slutsky und ihren Kollegen die Übersetzung eines Resultates aus der zellulären Neurobiologie auf die Ebene der Verhaltensbiologie gelungen. Die Ergebnisse wurden 2010 in der renommierten internationalen Fachzeitschrift Neuron publiziert.

Solche Arbeiten könnten von großem Interesse für die Therapie und Prophylaxe von Gedächtnisstörungen sein. Folgerichtig hat Dr. Inna Slutsky auch Arbeiten zu den synaptischen Effekten von Eiweißstoffen durchgeführt, die bei der Alzheimer-Erkrankung im Gehirn gehäuft auftreten. Auch hier hat sie Einflüsse auf die Plastizität von Synapsen gefunden: Die Eiweißstoffe sorgen dafür, dass sich die Synapsen weniger stark verändern und sich das Gehirn somit weniger an Erfahrungen anpassen kann.

Bildzeile: Die Preisträgerin 2010 der Bernard Katz-Lecture: Dr. Inna Slutsky von der Sackler Faculty of Medicine der Universität Tel Aviv, Israel.
Foto: privat

Literatur:
Slutsky I, Abumaria N, Wu LJ, Huang C, Zhang L, Li B, Zhao X, Govindarajan A, Zhao MG, Zhuo M, Tonegawa S, Liu G.: Enhancement of learning and memory by elevating brain magnesium. Neuron. 2010 Jan 28;65(2):143-4.

Weitere Information im Internet:
www.rzuser.uni-heidelberg.de/~bn2/
www.nobel.se/medicine/laureates/1970/katz-bio.html
www.nobel.se/medicine/laureates/1991/index.html

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Andreas Draguhn
Institut für Physiologie und Pathophysiologie
Tel.: 06221 / 54 40 56 (Sekr.)
E-Mail: andreas.draguhn@physiologie.uni-heidelberg.de

Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg
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Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der größten und renommiertesten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international bedeutsamen biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung neuer Therapien und ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 7.600 Mitarbeiter und sind aktiv in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 40 Kliniken und Fachabteilungen mit ca. 2.000 Betten werden jährlich rund 550.000 Patienten ambulant und stationär behandelt. Derzeit studieren ca. 3.400 angehende Ärzte in Heidelberg; das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland.

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